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25. Die Wendronhexe

 

Silas

Um Mitternacht schliefen alle in der Hütte bis auf Marcia. Wieder blies der Ostwind, und diesmal brachte er Schnee. Die Einmachgläser auf den Fensterbrettern klirrten unheilvoll, wenn sich die Geschöpfe, durch den Schneesturm draußen gestört, darin bewegten.

Marcia saß an Tante Zeldas Schreibtisch im Licht einer einzigen flackernden Kerze, um die Schläfer am Kamin nicht zu wecken. Sie las in ihrem Buch Wie man die dunklen Kräfte unschädlich macht.

Draußen im Mott schwamm der Boggart dicht unter der Wasseroberfläche und hielt, so vor dem Schnee geschützt, eine einsame Mitternachtswache.

Fernab in den Wäldern hielt auch Silas eine einsame Mitternachtswache. Es schneite so heftig, dass die Flocken ihren Weg durch das Geäst der kahlen Bäume fanden. Bibbernd stand er unter einer mächtigen Ulme und wartete auf Morwenna Mould.

Silas kannte Morwenna Mould schon lange. Als junger Lehrling hatte er eines Nachts für Alther einen Botengang erledigt, als er im Wald das Furcht einflößende Gebell eines Wolverinenrudels hörte. Er wusste, was das zu bedeuten hatte: Das Rudel hatte eine Beute gestellt und drängte sie nun in die Enge, um sie zu töten. Silas hatte Mitleid mit dem armen Tier. Er wusste nur zu gut, wie man sich fühlte, wenn man von Wolverinen mit funkelnden gelben Augen umzingelt wurde. Es war ihm selbst widerfahren, und er hatte es nie vergessen, doch als Zauberer war er glimpflich davongekommen. Er hatte sie kurzerhand mit einem Schnellgefrierzauber festgeeist und Reißaus genommen.

In jener Nacht, als er den Botengang machte, hörte er eine leise Stimme in seinem Kopf. Hilf mir ...

Alther hatte ihn gelehrt, auf solche Dinge zu achten, und so war er der Stimme gefolgt, die ihn zu den Wolverinen führte. Sie hatten eine junge Hexe umzingelt, die reglos in ihrer Mitte stand.

Zuerst dachte Silas, die junge Hexe sei einfach starr vor Entsetzen. Sie stand mitten im Kreis, die Augen weit aufgerissen, das Haar von der wilden Flucht durch den Wald zerzaust, den schweren schwarzen Umhang an sich gedrückt.

Erst nach einer Weile begriff er, dass die junge Hexe in ihrer panischen Angst statt der Wolverinen sich selbst eingefroren hatte. So leicht war das Rudel seit der letzten Kämpf-oder-stirb-Nachtübung der Jungarmee nicht mehr zu einer Mahlzeit gekommen. Silas sah, wie die Wolverinen zum tödlichen Angriff ansetzten und in Vorfreude auf den Festschmaus den Kreis um die junge Hexe langsam enger zogen. Er wartete, bis er alle Wolverinen im Blick hatte, dann fror er flugs das ganze Rudel ein. Da er nicht recht wusste, wie man einen Hexenzauber brach, hob er die Hexe, die zum Glück zu den kleineren und leichteren Wendronhexen gehörte, hoch und brachte sie in Sicherheit. Er wachte bei ihr die ganze Nacht, bis die Wirkung des Gefrierzaubers nachließ.

Morwenna Mould hatte ihm nie vergessen, was er für sie getan hatte. Seit damals wusste er die Wendronhexen immer auf seiner Seite, wenn er sich in den Wald wagte. Und er wusste, dass Morwenna Mould immer für ihn da war, wenn er Hilfe brauchte. Er musste nur um Mitternacht unter ihrem Baum warten. Und genau das tat er jetzt nach all den Jahren.

. »Nanu, ist das nicht mein Freund, der tapfere Zauberer! Silas Heap, was führt dich in der Nacht aller Nächte, unserer Mittwinternacht, hierher?« Die Stimme sprach im trägen schnarrenden Tonfall der Waldbewohner und klang wie das Rascheln von Laub in der Nacht.

»Morwenna, bist du das?«, fragte Silas und blickte sich nervös um.

»Aber gewiss«, antwortete Morwenna und erschien, von Schneeflocken umwirbelt, aus dem Dunkel. Ihr schwarzer Pelzumhang und ihr langes dunkles Haar, das ein traditionelles grünes Wendronhexen-Stirnband aus Leder zusammenhielt, waren mit Schnee bestäubt. Ihre hellblauen Augen funkelten in der Nacht wie alle Hexenaugen. Sie hatten Silas bereits eine Weile beobachtet, ehe sie zu dem Schluss gekommen war, dass sie sich gefahrlos zeigen konnte.

»Hallo, Morwenna«, sagte Silas, plötzlich schüchtern. »Du hast dich kein bisschen verändert.« In Wahrheit hatte sich Morwenna ziemlich verändert. Seit ihrer letzten Begegnung hatte sie ordentlich zugelegt. Heute wäre Silas nicht mehr im Stande, sie hochzuheben und aus einem Kreis geifernder Wolverinen zu tragen.

»Du auch nicht, Silas Heap. Wie ich sehe, hast du immer noch diesen Wahnsinnsblondschopf und diese hübschen dunkelgrünen Augen. Was kann ich für dich tun? Ich habe lange darauf gewartet, dass ich mich für deine Gefälligkeit erkenntlich zeigen kann. Eine Wendronhexe vergisst nie.«

Silas wurde noch nervöser. Er wusste nicht recht, warum, doch es hatte damit zu tun, dass Morwenna immer näher kam. Er konnte nur hoffen, dass es kein Fehler war, sich mit ihr zu treffen.

»Ich ... äh ... Erinnerst du dich an meinen ältesten Sohn, Simon?«

»Nun ja, ich weiß noch, dass du ein Kind namens Simon hattest. Du hast mir von ihm erzählt, während ich auftaute. Wenn ich mich recht erinnere, hat er damals gezahnt. Und du hast nicht viel Schlaf bekommen. Wie geht es seinen Zähnen heute?«

»Seinen Zähnen? Oh, gut, soviel ich weiß. Er ist jetzt achtzehn Jahre alt, Morwenna. Und vorgestern Nacht ist er im Wald verschwunden.«

»Oh. Das ist nicht gut. Im Wald gehen neuerdings Wesen um. Wesen, die aus der Burg kommen. Wesen, die wir noch nie gesehen haben. Für einen Jungen ist es hier draußen zu gefährlich. Und für einen Zauberer auch, Silas Heap.« Morwenna legte ihm die Hand auf den Arm. Er zuckte zusammen.

Morwenna senkte die Stimme zu einem heiseren Flüstern. »Wir Hexen sind empfindsam, Silas.«

Als Antwort brachte Silas nur ein leises Quieken heraus. Morwenna war wirklich ziemlich überwältigend. Er hatte vergessen, was für starke Persönlichkeiten erwachsene Wendronhexen waren.

»Wir wissen, dass dunkle Kräfte ins Herz der Burg eingezogen sind. In den Zaubererturm. Möglich, dass sie deinen Jungen geholt haben.«

»Ich hatte gehofft, du hättest ihn vielleicht gesehen«, sagte Silas verzweifelt.

»Nein«, erwiderte Morwenna. »Aber ich werde nach ihm Ausschau halten. Wenn ich ihn finde, bringe ich ihn dir wohlbehalten zurück, keine Sorge.«

»Danke, Morwenna.«

»Es ist nichts gegen das, was du für mich getan hast, Silas. Ich bin sehr froh, dass ich dir helfen kann. Wenn ich kann.«

»Wenn ... wenn du etwas erfährst, findest du uns in Galens Baumhaus. Ich wohne dort mit Sarah und den Jungs.«

»Hast du noch mehr Söhne?«

»Ah, ja. Noch fünf. Wir hatten insgesamt sieben, aber ...«

»Sieben! Ein Geschenk des Himmels. Ein siebter Sohn des siebten Sohns. Wirklich wundervoll.«

»Er ist gestorben.«

»Oh. Das tut mir Leid, Silas. Ein großer Verlust. Für uns alle. Wir könnten ihn jetzt gut gebrauchen.«

»Ja.«

»Ich verlasse dich nun, Silas. Ich werde das Baumhaus und alle, die darin sind, unter unseren Schutz stellen, was immer das gegen die vordringenden dunklen Kräfte nützen mag. Und für morgen lade ich alle aus dem Baumhaus zu unserem Mittwinterfest ein.«

Silas war gerührt. »Herzlichen Dank, Morwenna, das ist sehr freundlich.«

»Bis zum nächsten Mal, Silas. Ich wünsche dir viel Glück und morgen einen schönen Feiertag.« Damit verschwand die Hexe im Wald, und Silas stand wieder allein unter der Ulme.

»Auf Wiedersehen, Morwenna«, flüsterte er in die Dunkelheit und machte sich im Schnee auf den Weg zurück zum Baumhaus, in dem Sarah und Galen auf Nachricht warteten.

Am nächsten Morgen war Silas überzeugt, dass Morwenna Recht hatte. Simon musste in die Burg verschleppt worden sein. Eine innere Stimme sagte ihm, dass Simon dort war.

Sarah hatte ihre Zweifel.

»Ich verstehe nicht, warum du so viel darauf gibst, was diese Hexe sagt, Silas. Sie weiß doch auch nichts Genaues. Angenommen, Simon ist im Wald und du wirst gefangen genommen. Was dann?«

Aber Silas ließ sich nicht umstimmen. Er schlüpfte in den kurzen grauen Kapuzenmantel eines Arbeiters, verabschiedete sich von Sarah und den Jungen und kletterte vom Baumhaus. Die Wohlgerüche, die aus der Küche der Wendronhexen herüberwehten, wo der Festschmaus für die Mittwinternacht vorbereitet wurde, bewogen ihn fast zum Bleiben, aber nur fast.

»Silas!«, rief Sally von oben, als er fast den Waldboden erreicht hatte. »Fang!«

Sie warf den Talisman herunter, den ihr Marcia gegeben hatte. Silas fing ihn auf. »Danke, Sally.«

Sarah sah zu, wie Silas die Kapuze über die Augen zog und die Richtung zur Burg einschlug. Zum Abschied rief er noch einmal über die Schulter: »Mach dir keine Sorgen. Ich bin bald wieder da. Mit Simon.«

Aber sie machte sich Sorgen.

Und er war nicht bald wieder da.

Septimus Heap 01 - Magyk
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